DER WIND WEHT TROTZDEM
Rundbrief 2005


   
    
 

Es kam wirklich einer eine Lawine gleich, was da an Solidaritätsbekundungen hier eintraf, besorgte, sogar empört klingend manche, die letzten dann aber, und das waren nicht wenige, sehr erleichtert. Wann, wenn nicht jetzt, müsste ich eigentlich jedem und jeder ganz persönlich, von Herz zu Herz sozusagen, antworten. Viele stellten Fragen, viele machten sich Luft in diesen Tagen gespannter Erwartung: über unsere neoliberal geprägte Welt, über unsere zugleich heilige wie problematische Kirche. Ich empfehle alle Fragen und Verunsicherungen dem Geist dessen, der „unser Friede“ ist. Alle, Gläubige und Agnostiker, Heitere und rebellische Geister, alle sollen sich ganz persönlich und voller Zuneigung von mir angesprochen wissen. So locker entledigt sich ein pensionierter Bischof wie ich seiner Pflichten...!

Viele Zeichen von Solidarität mit dem Volk der Xavante sind bei uns eingegangen. Deren berechtigte Forderung auf Rückgabe ihres Landes harrt in den Händen einer superlangsamen Justiz einer Klärung.
Das andere Motiv für so viel Solidarität mit unserer kleinen Kirche von São Félix do Araguaia war natürlich der anstehende Bischofswechsel. Ich werde hier nicht mehr alle Einzelheiten aufrollen, ist doch diese kleine kirchliche Episode bereits zur Genüge kommentiert worden. Wir legen nur nochmals Wert darauf festzustellen, dass es da nicht nur um einen einzelnen Bischof oder eine einzelne Ortskirche gegangen ist. Vielmehr betrifft dieses Problem die Kirche in ihrer Gesamtheit, d.h. die Praxis der Bischofsernennungen steht generell auf dem Prüfstand. Es geht also letztlich, und zwar aus Treue zum Evangelium und um unseres Zeugnisses vor der Welt willen, um die grundsätzliche Forderung nach Mitverantwortung und Kollegialität in der Kirche.
Glücklicherweise ist der neue Bischof von São Félix do Araguaia, Pater Leonardo Ulrich Steiner, ein Franziskaner aus echtem Schrot und Korn, brüderlich, gesprächig und leutselig. Der Kurs wird gehalten.
Und ich werde am Ufer des Araguaia wohnen bleiben, werde mit der nötigen Zurückhaltung die Kämpfe der Menschen begleiten und in österlicher Hoffnung hier meinen Lebensabend verbringen.

Das Imperium will „eine Welt ohne Tyrannei“. Wir auch; vor allem ohne die Tyrannei des Imperiums. Das Imperium will außerdem „die Ausbreitung der Freiheit“. Wir wehren uns allerdings vehement dagegen, dass diese Freiheit nur für den Markt und für einige führende Länder gelten soll.

Tyrannei gibt es zuhauf, auf allen Ebenen des sozialen, wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Lebens. Laut Jahresbericht der VN gibt es nicht weniger als 1,1 Milliarden Menschen, die mit weniger als einem Dollar pro Tag überleben müssen. Tag für Tag verhungern 30 000 Kinder. In den vergangenen 40 Jahren hat sich zwar das Bruttosozialprodukt weltweit verdoppelt, die wirtschaftliche Ungleichheit hat sich aber im gleichen Zeitraum verdreifacht. 900 Millionen Menschen – ein Siebtel der Weltbevölkerung – leiden unter ethnischer, sozialer oder religiöser Diskriminierung. 170 Millionen Menschen leben hin- und hergetrieben als Migranten. 44% der lateinamerikanischen Bevölkerung fristet ihr Dasein in Elendsvierteln. Afrika, ignoriert und ausgeplündert, blutet vor sich hin. Und es gibt Länder auf unserer Welt, die sozusagen „für vogelfrei“ erklärt wurden und vielleicht einem möglichen Präventivkrieg entgegensehen...

Aber es gibt auch viel das Böse überwindende Gutes in unserer verwundeten Welt. So haben wir neuerlich das Weltsozialforum ausgerichtet; die Landarbeiter-Organisation Via Campesina wächst und gewinnt an Einfluss; es ist uns gelungen, die geplante Amerikanische Freihandelszone zu entlarven und teilweise auszubremsen; Israel und die Palästinenser verhandeln über konkrete Friedensschritte; in vielen Ländern Lateinamerikas und Europas erstarkt die Linke wieder, es wächst „das Unbehagen (und der Protest) angesichts der neoliberalen Demokratie“. Während die etablierten Parteien und Gewerkschaften in Misskredit geraten sind, erstarkt sowohl national, international und weltweit die Zivilgesellschaft mit ihren Bewegungen. Das Kyoto-Protokoll ist in Kraft getreten. Und zunehmend sind wir es, wir aus der Dritten Welt, die sich in den Worten von Inácio Ramonet Gehör verschaffen: „Ja zur Solidarität unter den 6 Milliarden Bewohnern unseres Planeten; Nein zur G8 und zum Konsens von Washington; Nein zur Herrschaft der ‚Pokerrunde des Bösen’ (Weltbank, IWF, OECD und WTO); Nein zur Militärhegemonie einer einzigen Supermacht; Nein zu den Invasionskriegen und Nein zum Terrorismus...“– und wir schließen uns Ramonets Zusammenfassung an: „Widerstand leisten bedeutet Nein zu sagen, und heißt auch, Ja zu sagen, von einer anderen möglichen Welt zu träumen und alles zu tun, damit sie Wirklichkeit werde“.

Nicht nur eine andere Welt, auch eine andere Kirche ist möglich. Und wir arbeiten daran, dass sie überall und auf vielfältige Weise Gestalt gewinnt,
indem wir selbst Gemeinden des Gebets, der Geschwisterlichkeit und des Engagements bilden;
indem Brasilien das 9. Interkonfessionelle Treffen der kirchlichen Basisgemeinden ausrichtet zur Ermutigung der Basisgemeinden Brasiliens, des Kontinents, ja der ganzen Welt;
indem wir parallel zum Weltsozialforum das Weltforum Theologie und Befreiung veranstaltet haben;
indem wir den Gedenktag des Martyriums unseres heiligen Romero feiern und uns durch das Beispiel all unserer Märtyrer anspornen lassen;
indem wir die Option für die Armen propagieren und deren Bedürfnisse in den Mittelpunkt rücken;
indem wir unerschrocken die „sozialen Völkermorde“ und die Ruchlosigkeit des Imperiums samt seiner Oligarchien aufdecken;
indem wir täglich und real die Ökumene leben;
indem wir den interreligiösen Dialog pflegen;
indem wir den konziliaren Prozess stärken, als stets aktuelle Forderung des Evangeliums und treffendste Art, 40 Jahre II. Vatikanum zu feiern;
indem wir schließlich unseren Glauben in eigen- und mitverantwortlicher Weise leben „zum Leben der Welt.“

Zum Schluss sei noch eine ganz persönliche Ansicht eines alten Bischofs im Blick auf die Kirche angemerkt, der es nicht lassen kann zu träumen. Wieder einmal wird aus Anlass der jüngsten Gesundheitsprobleme von Johannes Paul II. viel über das Profil des nächsten Papstes geredet und geschrieben. Meines Erachtens müsste man vielmehr über das Profil des neuen Papsttums sprechen – wobei sprechen allein bestimmt nicht reicht –, also über eine radikale Neustrukturierung dessen, was wir mit ‚Apostolischer Stuhl’ bezeichnen und über ein neues Verständnis des Petrusamts: dieses Amt müsste die Sensibilität des Herzens Jesu verkörpern und den Schrei der Armut, des Leidens und der Benachteiligung vernehmen; es müsste ohne Kirchenstaat, mit einer abgespeckten und dienstbaren Kurie auskommen und in prophetischer Weise auf Macht und Prunk verzichten; es müsste beseelt sein vom Wunsch nach Ökumene und interreligiösem Dialog; nicht absolutistisch, vielmehr kollegial geprägt sein; dezentralisiert und echt „katholisch“ müsste es offen sein für eine Vielfalt der geistlichen Ämter und der Kulturen; und schließlich müsste dieses Amt sozusagen als religiöse Vermittlung – im Verein mit anderen religiösen und nichtreligiösen Vermittlern – dem Frieden, der Gerechtigkeit und dem Leben zu dienen.

Obwohl Van Gogh in seinem Leben so viele – wirkliche wie symbolische – Mühlen hat einstürzen sehen, schrieb er einmal an seinen Bruder Theo: „Der Wind aber weht trotzdem“. Nachdem auch wir den ‚Einsturz so vieler Mühlen’ innerhalb und außerhalb der Kirche miterleben, fahren wir doch unbeirrt und voll Hoffnung fort zu verkünden: „Der Wind (d.h. auch: der Geist) weht trotzdem“...

 

Pedro Casaldáliga
São Félix do Araguaia, Mato Grosso, Brasilien
Übersetzung: Hermann Mayer, Frankfurt am Main